China und ESG – passt das zusammen?

Unsere Artikelserie zum Zeitalter der Transformation kreist um den Übergang in ein neues wirtschaftliches Umfeld und den damit einhergehenden Trends zu mehr Nachhaltigkeit und Inklusion. Aber was passiert, wenn sich Konflikte zwischen diesen Trends und den wichtigsten Zielen dieser Entwicklung ergeben?

Das geopolitische Machtgefüge verschiebt sich weltweit, wobei China immer wichtiger wird. Aus Anlageperspektive sind die Chancen enorm, die diese wachstumsstarke und dynamische Volkswirtschaft bietet. Allerdings haben in der letzten Zeit Berichte über Menschenrechtsverstöße den Ruf Chinas beschädigt. Außerdem wertete man die chinesische Zusage, bis 2060 kohlenstoffneutral zu sein, als zu schwach, da sie nicht dem Pariser Ziel von Netto-Null-Emissionen bis 2050 entspricht.

Wenn Sie also als Anleger verantwortungsvoll investieren möchten und Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG) ernst nehmen, sollten Sie sich dann aus China zurückziehen? Wie immer ist diese Frage nicht mit Ja oder Nein zu beantworten, sondern muss näher betrachtet werden.

Die Klimakonferenz war eine Enttäuschung – aber was kommt danach?
China hat einen Anteil von 28 Prozent an den globalen CO2-Emissionen1 und ist damit weltweit Spitzenreiter. Vor diesem Hintergrund schien Chinas Beitrag zur COP in Glasgow wenig überzeugend. Dass Präsident Xi nicht nach Glasgow kam, wurde als Schlag vor den Kopf interpretiert. Und nicht zuletzt war China treibend bei der Umformulierung der Abschlusserklärung, wo nicht mehr vom Kohleausstieg, sondern nur noch von einer allmählichen Reduzierung der Kohlenutzung die Rede war.

Da die Wirkung der Klimakonferenz jedoch allmählich nachlässt, lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was China in Bezug auf den Klimaschutz unternimmt.

Zwar liegt das übergeordnete Ziel der Kohlenstoffneutralität in weiter Ferne, aber China wird sein kurzfristiges Ziel, bis 2030 einen Anteil von 25 Prozent an nicht fossilen Brennstoffen zu erreichen, wahrscheinlich frühzeitig umsetzen. Tatsächlich lag die Kapazität chinesischer Wind- und Solaranlagen in der Summe 2021 bei 635 Gigawatt, was 26,7 Prozent der Gesamtkapazität des Landes entspricht. Anvisiert ist bis 2030 eine Steigerung auf 1.200 Gigawatt2.

Obwohl Peking weiterhin auf Kohle setzt und neue Kapazitäten aufbaut, hat sich die Regierung dazu verpflichtet, den Kohleverbrauch bis 2025 einzudämmen und ab 2026 herunterzufahren. Zudem verabredeten China und die USA am Rande der Klimakonferenz eine Zusammenarbeit, um die Methanemissionen noch im Laufe dieses Jahrzehnts herunterzufahren.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass durch die schiere Größe Chinas jede Maßnahme direkt erhebliche Dimensionen annimmt.

Ein autoritäres Regime
Ein bemerkenswerter Unterschied zwischen Chinas Vorgehen bei der Klimakrise und dem vieler anderer Länder liegt im politischen System. Viele demokratische Regierungen haben sich bei ihren Erklärungen zur Klimapolitik weit aus dem Fenster gelehnt, aber wenn man genauer hinschaut, sind die Pläne recht vage. Die Präsidentschaft Donald Trumps hat zudem gezeigt, dass solche Verpflichtungen nach einem Führungswechsel schnell und einfach ad acta gelegt werden können.

Das autoritäre China plant seine industrielle Entwicklung längerfristig. Es hat seinen Weg im Voraus festgeschrieben, ökonomische und ökologische Verpflichtungen sind in die chinesische Verfassung aufgenommen worden und neue Gesetze zum Umweltschutz wurden verabschiedet. Im kleinen Maßstab werden bereits grüne Pilotprojekte durchgeführt, die das Potenzial haben, neue Normen zu setzen – nicht nur für den Rest Chinas, sondern für den Rest der Welt.

Die chinesische Regierung neigt tendenziell in Hinsicht auf ihre Klimaziele dazu, weniger zu versprechen, aber mehr zu liefern.

Umweltschutz eröffnet Anlagechancen
Entgegen allen Unkenrufe: China strebt danach, beim Klimaschutz mit dem Rest der Welt mitzuhalten.

Das Land ist auf dem besten Weg, zum weltweit größten Hersteller von Elektrofahrzeugen zu avancieren. Der Absatz chinesischer Elektroautos ist im vergangenen Jahr um 154 Prozent auf insgesamt 3,3 Millionen Fahrzeuge angestiegen.3

Im Bereich Wasserstoff hat Peking Subventionen für Brennstoffzellenfahrzeuge und ihre Infrastruktur bereitgestellt, wobei die Regierung sich auf drei Pilotstädte konzentrierte4. Auch seine bereits beachtliche Führungsrolle bei erneuerbaren Energien wird das Land weiter ausbauen.

Um dieses Ziel zu erreichen, fährt China seine Kapazitäten in den Bereichen Innovation und Produktion hoch. Damit erhöht es den Einsatz im Wettlauf um neue und wirksame Klimalösungen. Es wird sicherlich interessant sein zu beobachten, wie sich dies auswirkt: Werden sich die Spannungen mit den USA verschärfen oder wird es eher zu einem freundschaftlichen Wettbewerb kommen? Egal, was passiert, in jedem Fall dürften daraus weitere Anlagechancen für umweltbewusste Investoren erwachsen.

Das Polysilizium-Paradoxon
Ein weiterer Bereich, in dem China dominiert, ist Polysilizium. Das Reich der Mitte war 2020 für 77 Prozent der weltweiten Produktion verantwortlich5. Polysilizium, eine Art hochreines Silizium, ist ein wichtiger Rohstoff in der Lieferkette von Solaranlagen. In diesem Sektor gibt es derzeit Schwierigkeiten, die wachsende Nachfrage zu befriedigen, woraus sich ein attraktives Investitionsszenario ergibt.

Mehrere Hersteller sind jedoch in der chinesischen Provinz Xinjiang ansässig, wo Zuliefererbetriebe der Zwangsarbeit verdächtigt wurden. Im Juni 2021 setzte das US-Handelsministerium mehrere chinesische Unternehmen aus der Polysilizium-Lieferkette auf die schwarze Liste, obwohl die Unternehmen Fehlverhalten vehement bestritten6.

Es gibt Anzeichen dafür, dass die USA ihre Haltung lockern könnte. Trotzdem wird hier deutlich, dass hohe Anlagerendite und ESG-Ziele manchmal in Konflikt geraten können und dass es hier genauere Nachforschungen braucht.

Nur wer mitmacht, hat auch Einfluss
China engagiert sich nicht wortstark im Klimaschutz. Trotzdem hat das Land deutlich gemacht, dass es seine Klimaschutzverpflichtungen ernst nimmt und in vielen Bereichen erhebliche Fortschritte macht. Dennoch: Es gibt definitiv einiges, was Sorge bereitet. Das sollten Anleger nicht außer Acht lassen, nur weil es sich einen grünen Anstrich gibt.

BNP Paribas Asset Management trägt durch klare, konzentrierte und neutrale Analysen dazu dabei, die Erwartungen von Anlegern zu erfüllen. In China setzen wir unsere Erfahrung, unser Wissen und unsere technischen Kapazitäten ein, um Unternehmen mit starker Führung zu finden, die die Menschenrechte und Umweltaspekte angemessen beachten und ESG-Ziele priorisieren.

Wir haben erlebt, dass Engagement sich positiv auswirken kann, und glauben, dass dies auch in China der Fall sein wird. Aber um einen positiven Einfluss zu haben, müssen wir investieren, denn erst wenn wir anspruchsberechtigt sind, haben wir eine Stimme. Und nur dann können wir unseren Einfluss nutzen, um auf die Veränderungen hinzuwirken, die in unserem und im Sinne unserer Kunden sind.

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