War die Weltklimakonferenz ein Erfolg oder ein Misserfolg?

Bereits auf dem Umweltgipfel 2002 in Johannesburg mahnte der ehemalige französische Staatspräsident Jacques Chirac: „Unser Haus brennt, und wir schauen weg. Die geschundene, ausgebeutete Natur kann sich nicht mehr regenerieren … Die Erde und die Menschheit sind in großer Gefahr, und wir alle sind dafür verantwortlich. “1

Böse Zungen könnten darin eine knappe Zusammenfassung der Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow vermuten. Denn diese Veranstaltung war in vielerlei Hinsicht enttäuschend. Andererseits sollte man sich im Nachhinein auch fragen, ob nicht vielleicht die Erwartungen hinsichtlich des realistischerweise Erreichbaren zu hoch waren. Denn die Ergebnisse der Weltklimakonferenz stellen immer und zuallererst einen Kompromiss dar. 197 Mitglieder müssen einstimmig entscheiden – was, gelinde gesagt, ein Kraftakt ist. Vielleicht sollte man also vielmehr die Rolle überdenken, die eine Klimakonferenz spielen soll/kann? Vielleicht geht es auf einer solchen Zusammenkunft ja weniger darum, eindeutige Entscheidungen bei allen fokussierten Fragen zu liefern, und mehr darum, ein Forum zu bieten, um in Hinsicht auf kritische Fragen Druck aufzubauen, neue Ideen in die Welt zu bringen, innovative Wege zur Bekämpfung des Klimawandels zu eröffnen und Synergien zu schaffen unter denen, die für Veränderungen bereit sind?

Anstatt also die COP26 als Misserfolg abzutun, gilt es vielmehr, die Erfolge in den Fokus zu rücken. Auf dieser Basis lässt sich die unbestreitbare Dynamik, die die Konferenz in der breiten Öffentlichkeit erzeugt hat, möglicherweise besser nutzen – was nicht zuletzt auch der Wirkmacht künftiger Weltklimakonferenzen zugutekäme.

Die wichtigsten Ziele der Glasgower Konferenz
Die COP26 verfolgte vier Hauptziele. Um das Ergebnis der Veranstaltung fair zu bewerten, betrachten wir jedes dieser Ziele zunächst einzeln.

  1. Verpflichtungen erweitern und Ziele für CO2-Neutralität festlegen

    Die einzelnen Staaten sollten ihre aktuellsten (und besten) Netto-Null-Verpflichtungen präsentieren – beziehungsweise im Konferenzjargon ihre national festgelegten Beiträge (Nationally determined contributions; NDCs). Obwohl im Vorfeld und im Laufe der Veranstaltung eine Reihe von Zusagen gemacht wurde, war das Gesamtergebnis entmutigend. Die derzeitigen NDCs reichen einfach nicht aus, um die Netto-Null-Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen. Würden nur sie umgesetzt, so würde die globale Durchschnittstemperatur bis zum Ende des Jahrhunderts um etwa 2,7 Grad Celsius steigen.2 Dieses Ergebnis lässt sich kaum als Erfolg werten.

  2. Den Klimaschutz beschleunigen und den Kampf gegen die Zerstörung von Natur und Biodiversität einbeziehen

    Zu diesem Punkt gab es eine ganze Reihe von Erklärungen. Mehr als hundert Länder, darunter die USA, Japan und Kanada, haben sich verpflichtet, ihre Methan-Emissionen deutlich zu reduzieren. Vierzig Länder sagten außerdem zu, dass sie keine neuen Kohlekraftwerke aufbauen würden. Beide Verlautbarungen sind wichtig, allerdings zählten weder China noch Indien zu den Teilnehmern. Im Rahmen der „Beyond Oil and Gas Alliance“ einigten sich zwanzig Länder darauf, keine Lizenzen mehr für neue Öl- und Gasförderprojekte zu vergeben. Auch dies war sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung, der aber ohne die großen Öl- und Gasförderländer erfolgte. Interessanterweise kündigten China und die USA ein gemeinsames Programm zur Kooperation beim Klimaschutz an, wenn auch ohne viele Details preiszugeben.

  3. Dem Versprechen, 100 Milliarden Dollar jährlich für Klimaprojekte aufzubringen, zu seinem Recht verhelfen

    Die vielleicht größte Enttäuschung dieser Klimakonferenz war wohl die Tatsache, dass die Industrieländer der von ihnen eingegangenen Verpflichtung nicht nachgekommen sind, 100 Milliarden US-Dollar jährlich an ärmere Staaten abzugeben, um diesen zu ermöglichen, sich an den Klimawandel anzupassen. Dieses gebrochene Versprechen untergräbt nicht nur die Bemühungen zur Eindämmung des Klimawandels insgesamt, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Konferenz selbst.

  4. Die Rolle der nicht staatlichen Akteure im Wettlauf zu Netto-Null-Emissionen stärken

    Dieses letzte Ziel hatte zweifellos den meisten Zuspruch. Städte, Unternehmen (einschließlich BNP Paribas Asset Management) und Investoren haben eine Reihe wichtiger Erklärungen verlautbart, die darauf zielten, gemeinsam auf eine kohlenstoffneutrale Welt hinzuarbeiten. Hier ist allerdings einschränkend zu bedenken, dass solche Verpflichtungserklärungen in der Regel keine konkreten Maßnahmen oder kurzfristigen Ziele enthalten und es deswegen keine Möglichkeit gibt, ihre Umsetzung zu kontrollieren oder zu quantifizieren. Letztlich sind es nur Worte.
Rückschlag beim Kohleausstieg: Reduzierung statt Ausstieg
Die größte Enttäuschung war sicherlich, dass in letzter Minute die Einigung zum Kohleausstieg umformuliert wurde: Statt eines schrittweisen Ausstiegs (Phase-out) geht es jetzt nur noch um eine Reduzierung (Phase-down). Da der schrittweise Ausstieg aus der Kohle ein zentraler Bestandteil der Maßnahmen zum Schutz unseres Planeten ist, scheint die Frustration nachvollziehbar. Trotzdem stellt sich die Frage, ob es überhaupt realistisch war, von Staaten wie China oder Indien zu erwarten, einer solchen Verpflichtung zuzustimmen.

Kohle bedeutet Sicherheit in der Energieversorgung für viele Länder, die kaum andere Möglichkeiten haben. Hinzu kommt, dass der Energiebedarf vieler Schwellenländer steigt, und dies in Zeiten, in denen die Energieerzeugung ohne Kohle erfolgen soll. Vor diesem Hintergrund ist es als Erfolg zu werten, viele dieser Länder dazu bewegt zu haben, ihren Kohleverbrauch zu reduzieren. Natürlich braucht es mehr. Aber zunächst sind die Industrieländer in der Pflicht und müssen ihre Führungsrolle bei der Dekarbonisierung ausbauen, aber auch ihre Verpflichtungen zur Klimafinanzierung einhalten. Erst dann können sie umfassendere Schritte von ärmeren Ländern erwarten.

Das Klimaabkommen zwischen den USA und China – was zwischen den Zeilen steht
Es wurden nur wenige Einzelheiten über die Zusammenarbeit zwischen den USA und China im Bereich des Klimaschutzes bekannt gegeben, aber das Abkommen an sich hatte einen hohen Symbolwert. Denn diese beiden Länder sind zusammen für 40 Prozent der weltweiten Kohlenstoffemissionen verantwortlich.3 Außerdem sind die USA und China die beiden größten Volkswirtschaften der Welt, weswegen ihr Potenzial im Kampf gegen den Klimawandel enorm ist, und beide Staaten bekunden erhebliche Ambitionen in diesem Bereich.

Es bleibt abzuwarten, ob diese neue Phase in der US-chinesischen Annäherung bloß darin besteht, dass sich die geopolitische Rivalität um das Feld des Klimawandels erweitert, oder ob damit eine Ära der Zusammenarbeit und des Austauschs von Know-how und Technologie eingeläutet wird. Mit Blick auf Umweltinvestitionen wäre eine Annäherung in den derzeit frostigen Beziehungen sehr zu begrüßen, da die anhaltende Unsicherheit und der Druck auf die Lieferketten hinderlich für Fortschritte in diesem Bereich sind.

Es ist ein Grund zu feiern, dass sich so viele echte Veränderung wünschen
Um die Klimaschutzdynamik zu stützen, ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Weltklimakonferenz zwar sicherlich ihre Fehler hat, aber letztlich eine Initiative ist, die in die richtige Richtung zielt. Auch wenn sie vielleicht nicht allen Wünschen gerecht wurde, so hat sie sich doch als erfolgreiches Instrument erwiesen, um den Klimawandel neu anzugehen und dafür zu sorgen, dass die Debatte weitergeführt wird. Wichtig ist, dass Klimakonferenzen eine Bühne bieten, auf der Staaten zusammenkommen und Koalitionen der Willigen schmieden können, sodass sie nicht mehr gezwungen sind, die Herausforderungen des Klimawandels allein zu bewältigen.

Dennoch sind mit Blick auf die Netto-Null weitere Maßnahmen, auch auf lokaler Ebene, dringend nötig, um wirklich etwas zu bewirken. Die nationalen Anforderungen müssen schnell angehoben werden, und die Regierungen müssen entschlossener handeln, als sie dies bisher getan haben.

Was bedeutet das für Anleger? Steigt das Transitionsrisiko, etwa durch gestrandete Vermögenswerte?
Um Antworten auf diese Fragen zu erarbeiten, beteiligt sich BNP Paribas Asset Management als strategischer Partner an der Initiative Inevitable Policy Response (IPR), die sich auf politische Reaktionen auf den Klimawandel und deren Folgen für Investoren konzentriert. Ziel der Initiative ist es, auf Basis der wichtigsten klimapolitischen Maßnahmen, die wahrscheinlich in den 2020er-Jahren umgesetzt werden, ein Szenario zu entwickeln, das aufzeigt, welche Auswirkungen diese auf die Realwirtschaft und verschiedene Sektoren haben könnten.4

Im Wesentlichen geht es in dieser Initiative darum, die Phase des Übergangs zu konkretisieren und ein klareres Bild von den betroffenen Regionen, Sektoren und Zeitspannen zu zeichnen. So können wir als Investoren unsere Kunden besser dabei unterstützen, den Übergang optimal zu meistern und ihr Kapital in profitable und interessante Chancen mit dynamischem Wachstum zu investieren.

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