Die Frage der Inflation

Die Weltwirtschaft erholt sich, und viele Länder, vor allem die entwickelteren, scheinen die COVID-19-Pandemie langsam in Griff zu bekommen – dank koordinierter Impfkampagnen und strenger Lockdowns. Aber, wenn die Weltwirtschaft wieder in Schwung kommt, warum gab es dann in diesem Jahr regelmäßig Turbulenzen an den globalen Märkten?

Lange Zeit war das Inflationsrisiko gering, hat jetzt aber Fahrt aufgenommen – was die Bedenken von Anlegern schürt. Die Frage ist: Handelt es sich um einen vorübergehenden Anstieg, der auf die extremen Lockdown-Maßnahmen des letzten Jahres zurückzuführen ist, oder sollten sich Anleger langfristig auf höhere Preise vorbereiten?

Steigende Inflation
In diesem Jahrhundert spielte die Inflation für Anleger bislang keine große Rolle. Sie verharrte auf niedrigem Niveau, dies trotz langfristig lockerer Geldpolitik der Zentralbanken mit reichlich Impulsen. Aktuell weisen die Daten jedoch auf einen deutlichen Inflationsanstieg hin. Die jüngste Messung der US-Verbraucherpreise ergab im April ein Plus von 4,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr – und damit den stärksten Anstieg seit September 20081.

Die Politik bemühte sich daraufhin zu versichern, dass kurzfristige Inflationsanstiege kein Grund zur Sorge wären. Dies stellten andere wichtige Stimmen jedoch infrage. Die US-Finanzministerin und ehemalige Vorsitzende der Federal Reserve (Fed), Janet Yellen, sprach die Notwendigkeit höherer US-Zinssätze an, relativierte ihre Äußerung aber kurz danach wieder. Zeitgleich warfen sowohl der frühere Finanzminister Larry Summers als auch der frühere IWF-Chefvolkswirt Olivier Blanchard der Biden-Regierung vor, sie kurbele die Inflation durch übermäßige finanzielle Anreize an.

Vor diesem Hintergrund unterschiedlichster Ansichten – lässt sich die Frage der Inflation überhaupt definitiv beantworten?

Ein vorübergehendes Phänomen?
Viele sind der Ansicht, dass der Inflationsanstieg keinen Grund zur Sorge darstellt. Der Großteil des jüngsten Preisanstiegs wird demnach auf Basiseffekte zurückgeführt, das heißt, dass sich der Preisverfall, insbesondere bei Rohstoffen, erholen wird, denn er war nur eine Reaktion auf die ersten Lockdown-Maßnahmen im März 2020, die Druck auf die Inflationszahlen ausübten.

Mit der Lockerung des Lockdown und den Wiedereröffnungen im Dienstleistungssektor dürften sich die Preise betroffener Waren und Services wieder stabilisieren. Hinzu kommt, dass, wie dies im vergangenen Sommer der Fall war, die Preise für Flugreisen, Mietwagen und Unterhaltung in den kommenden Monaten voraussichtlich steigen werden.

Auch die Nachfrage nach Waren sollte anziehen – dank gestiegenem Verbrauchervertrauen, aber auch weil viele Haushalte über ein deutlich höheres Einkommen verfügen. Die Pandemie dürfte allein in den USA zu einem Überschuss an Ersparnissen privater Haushalte in Höhe von 1,6 Milliarden US-Dollar geführt haben.2 Diesen Geldsegen erweiterte die jüngste Stimulus-Maßnahme von Präsident Biden noch, die jedem US-Bürger, der weniger als 75.000 US-Dollar verdient, weitere 1.400 US-Dollar zukommen ließ.

Lieferengpässe treiben ebenfalls die ‚kurzfristige‘ Inflation an. Die Pandemie hat die Lieferketten im vergangenen Jahr stark beeinträchtigt. Dadurch verringerten sich die Lagerbestände in vielen Bereichen und Regionen und Abnehmer konnten ihre Bestände nicht auffüllen. Das beste Beispiel: der Mangel an Halbleitern. Es überrascht möglicherweise, dass dies nicht nur die Produktion technologischer Produkte beeinträchtigte, sondern auch diejenige von Haushaltsgeräten und Neufahrzeugen, in denen ebenfalls Halbleiter verbaut werden. Im Endeffekt trägt jede Verknappung von Produkten dazu bei, die Preise in die Höhe zu treiben.

Schließlich kann der Arbeitskräftemangel Arbeitgeber dazu veranlassen, Prämien oder höhere Gehälter zu zahlen, um qualifizierte Arbeitskräfte an sich zu binden. Die Kombination aus höheren Löhnen und mehr verfügbarem Einkommen dürfte sich inflationär auf die Kosten von Wohnraum auswirken. Am Mietmarkt gibt es bereits Anzeichen dafür, dass in neuen Verträgen höhere Mieten verlangt werden.

Viele Ökonomen, so auch die US-Notenbank Fed, glauben, dass diese Entwicklungen vorübergehend sind und dass die Inflation wieder auf das Zielniveau zurückkehren wird – wie nach der Weltfinanzkrise.

Oder von Dauer?
Demgegenüber gehen andere davon aus, dass es neben Basiseffekten und Lieferengpässen zyklische und strukturelle Gründe gibt, die auf einen Regimewechsel und den Übergang zu einer anhaltend höheren Inflation hindeuten. Diese Ansicht teilen auch wir bei BNP Paribas Asset Management.

Erstens organisieren sich die weltweiten Lieferketten aktuell neu. Die Globalisierung wirkte aus historischer Sicht deflationär. Allerdings unterstützte die Präsidentschaft Donald Trumps den Protektionismus, ein Vorgehen, das im vergangenen Jahr Rückenwind bekam, als die Pandemie die Lieferketten beeinträchtigte. Aktuell bemühen sich Unternehmen und Länder, sensible Lieferketten breiter aufzustellen und sie zu reorganisieren. Im Fokus stehen dabei medizinische Güter, Impfstoffe, Mikrochips sowie fortschrittliche Technologien wie künstliche Intelligenz und die Entwicklung von Batteriesystemen – also Bereiche, die eine Bedeutung für die nationale Sicherheit haben und bis zu einem gewissen Grad autark funktionieren sollten. Ein solches Abbremsen der Globalisierung, zusätzlich befeuert von steigenden Handelszöllen und Beschränkungen beim Technologietransfer, dürfte den Wettbewerb dämpfen und die Inflation anheizen.

Zweitens war die geld- und fiskalpolitische Reaktion auf die Pandemie, allen voran die der USA, in ihrem Ausmaß, ihrer Koordination und ihren Ambitionen beispiellos. Auch dies könnte für eine längerfristige Inflation sprechen. Die Auswirkungen der Lockdown-Maßnahmen auf die Wirtschaft sind mit denen der Weltfinanzkrise nicht vergleichbar und stellen eine viel schnellere Erholung in Aussicht. Viele, darunter auch die oben genannten Larry Summers und Olivier Blanchard, glauben, dass allein die Größe der finanziellen Intervention ein klares Risiko für eine Überhitzung der Volkswirtschaften, fallende Arbeitslosenzahlen und steigende Löhne darstellt.

Schließlich spricht einiges dafür, dass das niedrige Inflationsniveau der letzten 20 Jahre auf nationale und globale demografische Entwicklungen zurückzuführen ist. Zwar war das Wachstum der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter niedrig, aber eine höhere Zuwanderungsquote glich dies teilweise auf. Künftig ist in den meisten Industrieländern mit einer Umkehr der demografischen Verhältnisse zu rechnen, sodass eine überalterte Bevölkerung die Renten- und Gesundheitssysteme stärker belastet, in die gleichzeitig weniger Geld fließt. In Kombination mit strengeren Einwanderungsgesetzen dürfte das verlangsamte Wachstum der Berufstätigen die Reallöhne und die Inflation in die Höhe treiben. Positiv dabei ist, dass die soziale Ungleichheit abnehmen dürfte.

Der demografische Wandel in China ist ein gutes Beispiel für den Einfluss, den diese Veränderungen auf die Inflation haben könnten. Das chinesische Wirtschaftswachstum hat in den letzten 30 Jahren stark davon profitiert, dass der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter um 30 Prozent angestiegen ist, sowie von der beispiellosen Binnenwanderung von Arbeitnehmern vom Land in die Städte. Dieser Trend scheint sich jedoch aktuell zu drehen: Da der Anteil der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter abnimmt, dürften die Löhne steigen, denn einstige Produzenten werden zu Konsumenten. Damit dürfte aber auch der Wettbewerb um Arbeitskräfte in eine neue Phase eintreten.

Die Reaktion der Zentralbanken
Traditionell begegnen Zentralbanken einer steigenden Inflation durch Straffung ihrer Geldpolitik. Die Aussicht aufsteigende Zinsen ist die Hauptsorge vorsichtiger Investoren. Denn letztlich gaben die globalen Märkte auch bei den geringsten Anzeichen einer Inflationsbelebung stark nach.

Die Zentralbanken scheinen jedoch einen weitaus pragmatischeren Ansatz zu verfolgen.

Im vergangenen Sommer hat die Fed ein neues flexibles durchschnittliches Inflationsziel („flexible average inflation targeting“, FAIT) verabschiedet. Anstatt proaktiv an einem Inflationsziel von zwei Prozent festzuhalten, erlaubt der neue Ansatz, dieses Ziel für einige Zeit zu unter- und überschreiten. So kann sich die Inflation im Durchschnitt auf ein Niveau von etwa zwei Prozent einpendeln.

Fed-Chef Jerome Powell hat immer wieder verlautbaren lassen, dass die aktuellen Inflationstrends vorübergehend wären und dass die Zentralbank ihren geldpolitischen Ansatz nicht ändere, bis die Wirtschaft erhebliche Fortschritte in Richtung auf Vollbeschäftigung und Preisstabilität aufzuweisen hat.

Diesem Kurs folgen andere Zentralbanken. So erklärte die Europäische Zentralbank, sie werde nicht zögern, alle ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu nutzen, um eine Verschärfung der finanziellen Bedingungen zu vermeiden. Aber glaubt man den jüngsten Aktivitäten am Markt, scheinen nicht alle Anleger von der abwartenden Haltung der Zentralbanken überzeugt.

Bitte anschnallen – es könnte turbulent werden
Mit der Zeit wird sich herausstellen, ob der derzeitige Inflationsanstieg vorübergehend oder dauerhaft ist. Sicher ist aber: Die Ungewissheit darüber wird anhaltende Turbulenzen an den globalen Märkten mit sich bringen, wenn alle neuen Daten akribisch auf eindeutige Hinweise abgeklopft werden.

Anleger sollten sich daher auf nervenaufreibende Situationen einstellen. Unsicherheit ist der bestimmende Faktor der Ära der großen Instabilität. Aber volatile Zeiten schaffen auch erhebliche Anlagechancen, und kluge Investoren sollten Ausverkäufe als Gelegenheiten ansehen.

BNP Paribas Asset Management unterstützt Anleger dabei, diese Zeiten der Unsicherheit zu meistern. Wir stellen Informationen und Know-how bereit, damit Anleger fundiertere Anlageentscheidungen treffen können. Bevor wir investieren, betreiben wir umfassendes Research und nehmen verschiedene Perspektiven ein – denn in einer Welt des Wandels lassen sich die besten Chancen nur finden, wenn man offen und neugierig bleibt.

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