Was Inklusion bewirken kann

Die große Instabilität bezeichnet eine Phase, in der Gesellschaften und Volkswirtschaften weltweit mit einer Vielzahl von Herausforderungen kämpfen, so mit dem Klimawandel, sozialer Ungleichheit, geopolitischen Spannungen und demografischen Entwicklungen. Alle diese Themen sind nicht neu, allerdings ist durch die Corona-Krise und die Black-Lives-Matter-Proteste im Jahr 2020 die soziale Ungleichheit in den Vordergrund gerückt. Menschen, Regierungen und Unternehmen – und auch die Investmentbranche – fangen an zu verstehen, wie notwendig Maßnahmen zur Verbesserung von Inklusion sind. Bedeutet das, dass 2021 der soziale Aspekt in ESG (Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) in unseren Portfolios zur festen Größe wird? Und können Investoren von Wachstumschancen im Bereich der Inklusion profitieren?
Soziale Ungleichheit im 21. Jahrhundert
Die breite Debatte über Ungleichheit begann in Investmentkreisen im Jahr 2014, als der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty seine Abhandlung über Vermögens- und Einkommensungleichheit veröffentlichte („Das Kapital im 21. Jahrhundert“). Piketty wies auf die wachsende Kluft hin zwischen den Besitzenden und denjenigen, die nichts besitzen. Diese Schere zwischen Arm und Reich ist in den letzten 20 Jahren sogar noch weiter aufgegangen, und entsprechend haben sich die sozialen Spannungen verschärft. So wird soziale Ungleichheit als ein wichtiger Faktor für den Brexit angeführt, aber auch für den Wahlsieg von Donald Trump im Jahr 2016.

Neben der Gesellschaft kann soziale Ungleichheit auch Wirtschaft und Anlagewelt negativ beeinflussen. So betrifft beispielsweise Arbeitslosigkeit bestimmte demografische Gruppen häufig stärker, etwa Menschen mit Behinderungen, Frauen, junge Menschen, ethnische Minderheiten und Immigranten. Eine Reduzierung dieser Ungleichheiten innerhalb der Erwerbsbevölkerung wirkt sich nachweislich positiv auf die Rentabilität von Unternehmen aus. Dies entspricht auch den Zielen der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung (SDGs).

2020 – ein Jahr des Wandels
Im Jahr 2020 rückte das Thema soziale Ungleichheit in den Fokus. Denn in der Pandemie traten eine ganze Reihe von bereits vorhandenen sozialen Unterschieden noch deutlicher hervor. Menschen, die in Schlüsselpositionen tätig waren und die Wirtschaft und das Gesundheitssystem in der Krise am Laufen hielten, waren dem Virus stärker ausgesetzt als andere, kamen aber überwiegend aus Haushalten mit eher niedrigem Einkommen. Überproportional viele waren weiblich und/oder gehörten ethnischen Minderheiten an.

Selbst Arbeitnehmer, die in der glücklichen Lage waren, von zu Hause aus arbeiten zu können, hatten einige sozioökonomische Herausforderungen zu meistern, so den Zugang zu schnellem Internet, die Bereitstellung von Homeoffice-Arbeitsräumen und die oft ungerechte Aufteilung der Kinderbetreuung und Beschulung zu Hause. Allerdings könnten sich mehr Flexibilität in Bezug auf die Arbeitsstätte und die Beibehaltung von Homeoffice-Lösungen für viele arbeitende Eltern, aber auch für Arbeitnehmer mit Behinderungen auf Dauer als überaus wertvoll erweisen.

Die Ermordung von George Floyd in den USA brachte andererseits die im Rassismus begründete Ungerechtigkeit wieder ins öffentliche Bewusstsein. Dies gab der Black-Lives-Matter-Bewegung zusätzliches Gewicht. Weltweite Proteste waren die Folge.

Zu Beginn der Pandemie legten ein Viertel der Organisationen weltweit alle oder den größten Teil ihrer Initiativen im Bereich Diversität und Inklusion auf Eis, um sich ganz auf die Bewältigung der Krise zu konzentrieren. Die Ereignisse des Jahres 2020 veranlassten dann aber viele Führungskräfte dazu, genauer hinzusehen, ob ihre Bemühungen um Diversität und Inklusion ihre Mitarbeiter erreichten und ob sie positive Auswirkungen auf die Gesellschaft im weiteren Sinne hatten. Voraussichtlich wird sich dieser Trend verstetigen.

Inklusion und Wirtschaftswachstum
Neben dem moralischen Gebot, gegen Ungleichheit zu kämpfen, können auch handfeste wirtschaftliche Vorteile Unternehmen zu Aktivitäten in diesem Bereich anspornen. Studien deuten darauf hin, dass Unternehmen, die Vielfalt leben, höhere Umsätze und Gewinne erzielen können als solche, die dies nicht tun.1

Insbesondere Gender Diversity scheint hier zentral. So geht die OECD davon aus, dass ein allmählicher Abbau der geschlechtsspezifischen Diskriminierung das weltweite BIP-Wachstum in den nächsten 11 Jahren um 0,4 Prozent pro Jahr steigern könnte. Dies würde bedeuten, dass sich das Pro-Kopf-BIP bis 2030 um fast 10.000 US-Dollar erhöht.2

Den Anteil von Frauen in Führungsetagen anzuheben ist eines der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs). Zwar gibt es immer mehr Frauen, die leitende Positionen einnehmen, und 2019 lag der Anteil weltweit bei 29 Prozent. Allerdings war 2020 kein weiterer Anstieg zu verzeichnen. Damit scheint das Ziel der Vereinten Nationen, bis 2030 die Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen, noch weit entfernt.

Christine Lagarde, die ehemalige geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) und erste weibliche Präsidentin der Europäischen Zentralbank, unterstützte diese Argumentation, indem sie erklärte: „Die Stärkung von Frauen ist von entscheidender Bedeutung und ein globales Thema. Für Länder, die ein stabiles, nachhaltiges und inklusives Wachstum anstreben, ist es entscheidend, Frauen zu stärken und sicherzustellen, dass sie ihren Beitrag zur ökonomischen Entwicklung leisten.“3

Unternehmen haben einen Ruf zu verlieren
Wenn Unternehmen es versäumen, für Diversität einzutreten, setzen sie sich nicht nur finanziellen Risiken aus, sondern auch dem Risiko der Rufschädigung. In unserer von sozialen Medien geprägten Welt müssen sich Unternehmen, die im Bereich Diversität und Inklusion zu wenig tun, auf Gegenwind vonseiten der Verbraucher gefasst machen.

Ein schlechter Ruf in diesem Bereich kann sich auch bei der Anwerbung junger Talente negativ auswirken. Denn insbesondere jüngere Mitarbeiter meiden Unternehmen tendenziell, die nicht als inklusiv und vertrauenswürdig gelten. So hat eine aktuelle Umfrage ergeben, dass erstaunliche 87 Prozent der heute unter 40-Jährigen für ein Unternehmen arbeiten möchten, das sich sozial engagiert.4

Außerdem spricht viel dafür, dass Unternehmen, die bei Diversität und Inklusion gut aufgestellt sind, besser abschneiden, wenn es um Innovation und Resilienz geht. Genau diese Qualitäten aber sind in der Phase der Erholung von der Pandemie besonders gefragt – wenn nämlich Unternehmen versuchen, sich für Wachstum und Erneuerung zu positionieren.

Die Rolle der Anlagebranche
Es besteht eindeutig ein Zusammenhang zwischen der finanziellen Performance von Unternehmen und dem jeweiligen Umgang mit Inklusion. Und die Investmentbranche kann hier durchaus positiven Einfluss nehmen, wenn sie sich der Verantwortung stellt. Denn der Dialog zwischen Vermögensverwaltern und Unternehmen kann Letztere darin bestärken, ihr soziales Handeln weiterzuentwickeln und zu verbessern.

Ein solcher Austausch sollte mehrere wichtige Maßnahmen einbeziehen:

  • Soziale Sicherheit für die Schwächsten schaffen durch die Bereitstellung von angemessener Bezahlung, Arbeitsplatzsicherheit, Gewinnbeteiligung, Renten- und Gesundheitssystemen für die eigenen Mitarbeiter sowie für diejenigen, die in der Lieferkette arbeiten
  • In soziale Mobilität investieren durch Aus- und Weiterbildung sowie breiteren Zugang zu Bildung
  • Zugang zu Primärgütern ermöglichen, also zu qualitativ hochwertigen Produkten und Dienstleistungen zu erschwinglichen Preisen für jeden, so etwa zu Gesundheitsversorgung, Wasser, sanitären Einrichtungen, Energie, Wohnraum usw.
  • Auf ethische Geschäftspraktiken achten, so etwa Transparenz in Steuersachen, Abgleichung von Lobby-Aktivitäten und öffentlichen Ansprüchen, Vermeidung von Kartell- und Monopolbildung, Wahrung der Prinzipien einer guten Unternehmensführung

Diversität führt nicht automatisch zu besseren Ergebnissen, sondern nur dann, wenn sie entsprechend gemanagt wird. Die Investmentbranche kann die organisatorischen Kompetenzen von Unternehmen unterstützen, die Diversität und Inklusion realisieren möchten. Dabei ist ein solches Engagement ein entscheidender Schritt für Unternehmen und Anleger, wenn sie optimale Renditen erzielen möchten.

Inklusion integrieren
Die Krise des vergangenen Jahres hat die globalen sozioökonomischen Ungleichheiten profiliert und verdeutlicht, wie dringend Maßnahmen sind, die auf Diversität und Inklusion zielen. Instabilität unterstützt den Wandel. Dabei eröffnen sich Anlegern echte Chancen, wenn sie sich auf das S in ESG konzentrieren: Sie können Einfluss auf die Umsetzung von Inklusion, Diversität und Gleichstellung der Geschlechter nehmen und gleichzeitig attraktive Anlagerenditen erzielen.

Bei BNP Paribas Asset Management setzen wir unser analytisches Know-how ein, um den Ansatz eines Unternehmens im Bereich Diversität zu überprüfen: Geht es nur um Effekthascherei oder steht eine echte Strategie dahinter, die auf eine wirklich kollegiale Kultur zielt? Unsere Inclusive-Growth-Strategie konzentriert sich ausschließlich auf Unternehmen, die zu Diversität und Inklusion beitragen und ein nachhaltiges Geschäftsmodell vertreten. Unserer Ansicht nach zahlt sich eine solche Strategie nicht nur für langfristige Investoren aus, die nach Diversifizierungsvorteilen suchen, sondern auch für solche, die finanzielle Ziele mit gesellschaftliche Werten in Einklang bringen wollen.

1https://www.bcg.com/publications/2018/how diverse Führungsteams fördern Innovation
2Quelle: Exane BNP Paribas; Mehr als eine Frau 2019.
3Quelle: Exane BNP Paribas; Mehr als eine Frau 2019.
4https://www.fidelitycharitable.org/insights/2021-future

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