Innovative Pharmaunternehmen als Chance?

Die schnelle Reaktion der Pharmaindustrie auf Covid-19 und die Herstellung wirksamer Impfstoffe hat in den letzten zwölf Monaten die Leistungsfähigkeit pharmazeutischer Forschung unter Beweis gestellt und dem Sektor geholfen, sein schlechtes Image aufzubessern.
Die Herkulesaufgabe, alle Menschen weltweit zu impfen, ist angelaufen. Der Umfang der Aufgabe ist allerdings so enorm und sie ist logistisch so komplex, dass es Jahre dauern wird, bis jeder geimpft ist. Der Anfang war schleppend und regional sehr unterschiedlich. Zudem legen immer mehr Virusmutanten die Frage nahe, ob die vorhandenen Impfstoffe auf Dauer wirksam sein werden.
Die Pandemie hat großen Pharmakonzernen die Gelegenheit gegeben, einen Beitrag für die Menschheit zu leisten. Aber: Kann dies ihren Ruf dauerhaft positiv beeinflussen?
Angespannte Ausgangslage
Im September 2019 ergab eine Umfrage des US-Meinungsforschungsinstituts Gallup, dass die Pharmaindustrie in den Augen der Amerikaner besonders schlecht angesehen ist: Sie landete auf dem letzten Platz von 25 Branchen.1 Eine ähnlich negative Einstellung zur Pharmaindustrie ließe sich auch in anderen Teilen der Welt finden, insbesondere in den Industriestaaten.
In der Kritik standen dabei vor allem überhöhte Arzneimittelpreise, wobei Pharmaunternehmen als eigennützige Profiteure mit kaum ausgebildetem sozialem Gewissen dargestellt wurden. Präsident Trump schimpfte in seiner Regierungszeit immer wieder über die Pharmaindustrie, und der neue Präsident Joe Biden hat bereits angekündigt, dass Preissenkungen bei Arzneimitteln auf seiner Agenda stehen. Schon vor der Pandemie gab es viel Anti-Impf-Propaganda. Dass etwa die Fallzahlen bei Masern steigen, dürfte auf die geringe Impfakzeptanz zurückzuführen sein. Vor diesem Hintergrund bezeichnete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Impfmüdigkeit als eine der zehn größten Bedrohungen für die globale Gesundheit.2
Schnelle Impfstoffentwicklung: eine Sensation
Als die WHO im März 2020 bestätigte, dass Covid-19 als Pandemie einzuordnen ist, hätten es nur wenige für möglich gehalten, dass bis Ende des Jahres ein Impfstoff zugelassen und in Gebrauch sein würde. Schnelligkeit war das Gebot der Stunde: Bereits im Frühjahr 2020 begannen Phase-1-Studien der Impfstoffe von Oxford/AstraZeneca und Pfizer/BioNTech. Bis November zeigten beide Impfstoffe adäquate Wirksamkeit und gingen weltweit in die Zulassungsphase.
Das Tempo war atemberaubend: Wir waren Zeugen der schnellsten Impfstoffentwicklung aller Zeiten. Zum Vergleich: Klinische Studien dauern im Durchschnitt sechs bis sieben Jahre – plus die für die behördliche Zulassung benötigte Zeit.
Regionale Unterschiede beim Impffortschritt
Die Vorbestellungen der Impfstoffe belaufen sich bisher insgesamt auf 8,5 Milliarden Einzeldosen.3 Theoretisch sind das genug, um die Hälfte der Weltbevölkerung zu impfen (da bei den meisten Impfstoffen zwei Gaben erforderlich sind). Anfang Februar überstieg die Zahl der Impfungen weltweit die Zahl der bestätigten Corona-Fälle, die bei über 100 Millionen lag.4 Das ist ein ermutigender Beginn. Trotzdem hat die Welt noch einen sehr langen Weg vor sich, bevor das Virus gebändigt ist.
Es ist logistisch überaus komplex, alle Menschen weltweit zu impfen, und die Kosten sind extrem hoch. Es ist wenig überraschend, dass reiche Länder schneller impfen. Die Stabilität der Lieferketten ist derzeit der hauptsächliche Grund zur Sorge – dies auch in den Industrieländern. Zuletzt wurde der Europäischen Union Protektionismus vorgeworfen, weil sie aus Sorge um die eigenen Bestände drohte, die Exporte von in der EU hergestellten Impfstoffen zu kontrollieren.
Dass die reichen Länder viel höhere Impfraten vorweisen können, bemängelte jüngst der Chef der WHO. Er warnte, die Welt befinde sich an der Schwelle zu einem „katastrophalen moralischen Versagen“, und forderte dazu auf, mehr für die Unterstützung der ärmsten Länder zu tun. Im vergangenen Jahr hat die WHO COVAX gegründet, eine Organisation, die für eine gerechte Verteilung des Impfstoffs sorgen soll. Bisher hat COVAX das Ziel, zwei Milliarden Impfstoffdosen kostenlos oder günstiger bereitzustellen, nur zur Hälfte erreicht. Immerhin haben reiche Länder wie Großbritannien sich bereit erklärt, bei einem Überangebot Impfstoff Initiativen zur Verfügung zu stellen, die Impfprogrammen in ärmeren Ländern unterstützen.
Außerdem würde die Verbreitung von Impfstoffen in den ärmeren Regionen der Welt erheblich beschleunigt, wenn die Unternehmen, die die Impfstoffe herstellen, sich bereit erklären würden, in bestimmten Regionen ihr Recht zum Schutz des geistigen Eigentums auszusetzen. Dies wird bisher abgelehnt, könnte aber das Renommee der Branche entscheidend stärken.
Ein lukratives Geschäft?
Die Arzneimittelkosten und die Gewinnorientierung der Pharmaunternehmen sind Hauptgründe für den schlechten Ruf der Branche. Die Möglichkeit, mit Covid-19-Impfstoffen Gewinne zu erwirtschaften, steht unter sehr genauer Beobachtung. Von den drei bislang zugelassenen Impfstoffen ist derjenige des britisch Konzerns AstraZeneca zurzeit mit rund vier US-Dollar pro Dosis der günstigste. Das Unternehmen verlautbart zwar, dass dieser Preis lediglich die Kosten deckt, er soll aber während der Pandemie auf niedrigem Niveau bleiben. Der Impfstoff des US-Biotechnologieunternehmens Moderna kostet 37 US-Dollar pro Dosis, BioNtech/Pfizer nehmen für eine Dosis 19,50 US-Dollar. Keines dieser beiden Unternehmen hat wie AstraZeneca eine Non-Profit-Selbstverpflichtung ausgesprochen. Die Zusammenarbeit zwischen BioNtech und Pfizer soll laut Morgan Stanley einen weltweiten Umsatz von 13 Milliarden US-Dollar generieren.5
Dabei sollte nicht übersehen werden, dass die wissenschaftlichen Durchbrüche nicht zuletzt Milliardensummen aus staatlicher und gemeinnütziger Unterstützung zu verdanken sind. Laut Airfinity, einem Unternehmen für wissenschaftliche Datenanalyse, betrug die staatliche Unterstützung für die Covid-19-Impfstoffforschung 6,5 Milliarden Britische Pfund und gemeinnützige Organisationen stellten fast 1,5 Milliarden Pfund zur Verfügung.6
Selbstverständlich haben Pharmaunternehmen ein Recht darauf, aus ihren Leistungen Gewinn zu ziehen. Aber an welchem Punkt wird die Honorierung von Erfolgen zu Profitmacherei, insbesondere wenn öffentliche Mittel im Spiel sind?
Impfen oder nicht impfen – eine umstrittene Frage
Abgesehen von den Pharmaunternehmen selbst muss auch die Öffentlichkeitsarbeit Hürden überwinden. Laut einer Studie zur Akzeptanz von COVID-19-Impfungen, die 2020 in „Nature Medicine“ veröffentlicht wurde und 19 Länder einbezog, lag die durchschnittliche weltweite Akzeptanz der Impfung bei 71,5 %, allerdings mit erheblichen länderspezifischen Unterschieden. In europäischen Staaten wie Frankreich, Polen und Russland war die Impfskepsis bei Akzeptanzraten von 59 %, 56 % beziehungsweise 55 % besonders groß.
Die Auswirkungen dieser Impfstoffskepsis sind erheblich. Wie immer wieder betont wird, können wir das Virus nur gemeinsam besiegen. Die Regierungen werden sich ins Zeug legen müssen, um den Unmengen an Fehlinformationen entgegenzuwirken, die im Internet kursieren. Nur dann kann irgendwann Herdenimmunität erreicht werden.
Virusmutationen als Herausforderung
Immer mehr Impfstoffe haben sich als wirksam erwiesen. Dennoch ist die Aufgabe der Pharmaindustrie noch nicht erfüllt. Das Auftreten neuer Stämme von SARS-CoV-2, dem Virus, das Covid-19 verursacht, weckt Sorgen, dass die Impfstoffe möglicherweise nicht auf Dauer wirksam sein könnten.
Zwar haben Wissenschaftler ihre Zuversicht zum Ausdruck gebracht, dass Impfstoffe schnell angepasst werden können. Dennoch bleibt das Auftreten von Mutationen nicht ohne Folgen für die breite Öffentlichkeit. Wird sich das Virus schnell genug verändern, um die vorhandenen Impfstoffe ineffizient zu machen? Wie lange bleibt man nach der Impfung immun? Muss man sich regelmäßig impfen lassen (wie bei der Grippe)? Und wenn sich tatsächlich alle Menschen weltweit jedes Jahr einmal impfen lassen müssen, schließt sich die Frage an, wie das finanziert werden soll
Investieren zum Wohle aller
Auch wenn all diese Fragen bislang ungelöst sind, ist eines absolut klar: Das Engagement von Regierungen, gemeinnützigen Organisationen, dem Gesundheitswesen und insbesondere der Pharmaunternehmen, das die rasche Herstellung von Covid-19-Impfstoffen ermöglicht hat, ist zu begrüßen.
Es gab immer schon Pandemien. Die moderne Medizin konnte aber beweisen, dass sie besser als je zuvor gerüstet ist, um eine Pandemie zu bekämpfen. Und dieses Ergebnis ist ein hervorragendes Aushängeschild für das Potenzial, das sich entfaltet, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen und auf ein gemeinsames Ziel zusteuern.
Egal, ob es um die Bekämpfung der aktuellen Corona-Pandemie oder künftiger Gesundheitskrisen geht – das Gesundheitswesen entwickelt sich rasant und die Pharmaindustrie steht an der Spitze dieser disruptiven Innovationen. Bei BNP Paribas Asset Management glauben wir, dass umwälzende Veränderungen Chancen mit sich bringen. Darum schauen wir sehr genau hin, um diese Chancen für unsere Anleger zu identifizieren und damit nicht nur langfristige Renditen zu erzielen, sondern auch einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten.

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